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1.2 Ein prinzipiengeleiteter Ansatz

Obwohl sich die folgenden Abschnitte mit anerkannten Designstandards für bestimmte Aspekte von Lernräumen (z.B. Audiovisuelle Ausrüstung) beschäftigen, gibt es keine Formel, die es ermöglicht, einen erfolgreichen Lernraum zu konzipieren, der den Auftrag einer bestimmten Institution erfüllt. Eine vielfältige Gruppe von Stakeholdern (die meisten davon befassen sich möglicherweise zum ersten Mal mit diesem Thema) kommen zusammen, um für eine unvorhersehbare Zukunft zu planen. Bei einem großen Bauprojekt werden viele der Technologien, die aktuell „State of the art“ sind, schon zum Zeitpunkt der Fertigstellung des Baus überholt sein. In diesem Szenario besteht der beste Ausgangspunkt darin, ein klares pädagogisches Ziel und eine Reihe von Prinzipien zu identifizieren, die die Design-Entscheidungen leiten und die Aufnahme neuer und verbesserter Ideen in die Infrastruktur ermöglichen.

Es gibt eine Vielzahl publizierter Beispiele für Designprinzipien. Viele davon basieren auf Chickering und Gamsons (1987) sieben Prinzipien von „Good Practices“ in der studentischen Ausbildung1, die auf Raumdesign übertragen werden:

  1. Regt Kontakte zwischen Studierenden und Mitarbeitenden an;

  2. Fördert Wechselseitigkeit und Kooperation unter Studierenden;

  3. Nutzt aktive Lerntechniken;

  4. Gibt umgehend Rückmeldung;

  5. Betont echte Lernzeit („time on task“);

  6. Kommuniziert hohe Erwartungen;

  7. Respektiert verschiedene Begabungen und Arten zu Lernen.

JISC (2006) umreißt eine sehr einfache Reihe von Eigenschaften, die ein Raum haben sollte:

  • Flexibel – um sowohl aktuelle als auch sich entwickelnde pädagogische Konzepte zu beherbergen

  • Zukunftssicher – um eine Neuverteilung oder -gestaltung von Räumen zu ermöglichen

  • Mutig - über bewährte und erprobte Technologie und Didaktik hinausblickend

  • Kreativ – um Lernenden und Lehrenden zu motivieren und zu inspirieren

  • Unterstützend – um das Potential aller Lernenden zu entwickeln

  • Unternehmungslustig – um jeden Raum so zu gestalten, dass er verschiedenen Zwecken dienen kann

Sich auf Prinzipien zu einigen, die der Gestaltung von Lernräumen im jeweiligen Kontext zugrunde liegen sollen, kann schwierig sein. Die Prinzipien müssen eine breite Unterstützung finden. Wenn sie jedoch die Lern- und Lehrpraxis verbessern sollen, müssen sie so formuliert werden, dass sie den Status Quo in Frage stellen und positive Handeln seitens der Nutzenden des Raums verlangen. Man muss sehr sorgfältig darüber nachdenken, wie die Prinzipien in die Praxis umgesetzt werden. In den Standpunkten (s.u.) finden sich eine Reihe von Anmerkungen zur Bedeutung und zum Wert von Begriffen wie Flexibilität.

Der folgende Satz von Leitprinzipien für das Design wurde für den UK HE Learning Space Toolkit frei aus den Arbeiten von Lomas und Oblinger (2006) adaptiert. Dort wird vorgeschlagen, dass Lernräume folgende Punkte erfüllen sollten:

Ein Gefühl von Gemeinschaft erzeugen und aktive Teilnahme anregen

Lernen ist zuallererst ein sozialer Prozess. Die physische Umwelt einer Universität sollte das Gefühl vermitteln, Teil einer Lerngemeinschaft zu sein. Sie sollte das gemeinsame Lernen unterstützen, indem physische Räume zur Zusammenarbeit und Möglichkeiten angeboten werden, sich digital mit einer größeren Gemeinschaft zu verbinden, z.B. durch Videokonferenzen oder Webinare. Die Möglichkeit, andere bei der Arbeit zu beobachten, hilft dabei, ein Gefühl der Verbundenheit zu schaffen, und die Existenz sozialer Räume fördert Interaktionen zwischen Peers bzw. Mitarbeitenden und Studierenden, in denen ein großer Teil des tatsächlichen Lernens gefestigt wird. Wir müssen eine Umgebung schaffen, in der Studierende Wissen sowohl konstruieren und miterschaffen als auch konsumieren können.

Lernen integrieren und verbinden

Ein gut gestalteter Campus erlaubt eine nahtlose Integration verschiedener Arten von Lernaktivitäten: formelles und informelles Lernen, sowie Gruppen- und individuelles Lernen. Die Art wie verschiedenen Fächer gemeinsam untergebracht sind, kann interdisziplinäre Zusammenarbeit fördern und Studierenden unterschiedlicher Semester oder Fächer, die am selben Ort arbeiten, können sich Möglichkeiten für Peer-Mentoring oder neue Zugänge zur Forschung bieten. Die Integration von Serviceangeboten in Bereiche, in denen Studierende viel Zeit verbringen, kann Lernerfahrungen besser unterstützen. Die Integration von physischen und virtuellen Lernressourcen und -aktivitäten sollte als Teil der Gesamt-Raumgestaltung betrachtet werden. Die Art und Weise, wie der physische Raum die Universität in ihren größeren Kontext integriert, ist ebenfalls wichtig – dies kann die Beziehung zu lokalen Sehenswürdigkeiten, die Art und Weise, wie die lokale Gemeinschaft Zugang zum Campus hat, und die Beziehung zur Wirtschaft und zu Unternehmen, wie Start-Up-Hubs betreffen.

Eine Vielzahl verschiedener Lernbedürfnisse bedienen

Gut gestaltete Lernumgebungen bieten Ausstattung, die den Bedürfnissen der Lernenden der Institution entsprechen, und Räume, die an eine Vielzahl verschiedener Lernerfordernisse angepasst werden können. Möbel sollten leicht konfigurierbar sein, steuerbare Beleuchtung und portable Technologien spielen ebenfalls eine Rolle und benutzerfreundliche „low tech“ Hilfsmittel haben ihren Platz an der Seite von digitalen Technologien. Physische Räume sollten die Art der Lernaktivitäten nicht einschränken. Auch sollte man zukünftige Bedürfnisse im Kopf behalten, kann aber nicht verlangen, dass alles flexibel ist, da es schwierig ist, zu definieren, was man damit erreichen will (s. Standpunkte und Kapitel 4 Konkrete Gestaltung verschiedener Arten von Lernräumen).

Foto Gruppenkojen Foto von N.Schanz / Universitätsbibliothek Tübingen, lizenziert unter CC BY 4.0

Eine angenehme Arbeitsumgebung anbieten

Unbehagen ist eine große Ablenkung vom Lernen. Hitze und Kälte, Lärm und natürliches sowie künstliches Licht sollten alle sorgfältig gesteuert werden. Sitzmöglichkeiten sollten verschiedene Körpergrößen, Barrierefreiheit und die langen Zeitspannen berücksichtigen, die Studierende herumsitzen, ohne sich zu bewegen. Geeignete Flächen zum Schreiben und Ablegen von Computern, Bücher und anderen Materialien sind ebenfalls nötig: die kleinen, geneigten Flächen an den meisten Standard-Stühlen mit Klapptisch sind für diese Zwecke ungeeignet. Der aktuelle Trend Lern- und Sozialräume zu integrieren bringt eine Reihe eigener Probleme mit sich, nicht zuletzt die Übertragung von Lärm und Gerüchen von heißem Essen aus sozialen Räumen in formellere Lernräume. Folglich muss der Bedarf an Zonierung und Abgrenzung sorgfältig durchdacht werden. Neben diesen funktionalen Anforderungen müssen wir auch darüber nachdenken, wie man ein passendes Ambiente für jeden Raum schafft, sodass Studierende dort Zeit verbringen wollen. Universitätsplaner und -planerinnen versuchen einen „sticky“ Campus zu erschaffen, indem sie die richtige Umgebung schaffen, um Studierende über den ganzen Tag hinweg an sich zu binden (ähnliches versuchen Unternehmen wie Google mit ihren Angestellten zu erreichen). Das könnte bedeuten, dass Faktoren wie längere Öffnungszeiten einer Cafeteria auf dem Campus und das Bereitstellen von ausreichend Platz zur Aufbewahrung persönlicher Gegenstände wie Taschen und Jacken in Betracht gezogen werden müssen.

Unterstützung anbieten

Supportschalter und belastbare Hilfesysteme dort zu platzieren wo Studierende (und Mitarbeitende) sich aufhalten, statt nur am Standort der Einrichtung, fördert die Nutzung, genauso wie Online Support zur Verfügung zu stellen. Mitarbeitende und Studierende brauchen möglicherweise beide Unterstützung, um das Potential innovativer Arten von Lernräumen voll auszuschöpfen. Während das UK Toolkit betont, wie wichtig es ist sicherzustellen, dass Lernräume leicht und intuitiv zu benutzen sind, fand das Learning Landscape Projekt (Neary et al., 2010), dass es ohne Unterstützung eine Tendenz gibt, sogar in den innovativsten didaktischen Umgebungen auf traditionelle Praktiken zurückzufallen. Support sollte auch die Unterstützung des Lehrpersonals bei der Aktualisierung und Digitalisierung der Lehrressourcen zur Anpassung an neue Umgebungen umfassen.

Technologie effektiv nutzen

Für Studierende, deren Welt digital, vernetzt, unmittelbar, sozial und partizipatorisch ist, ist Zugang zu einem drahtlosen Netzwerk unverzichtbar. Die Welt der Studierenden ist nicht nur die physische, in der sie sich befinden. Es ist auch die virtuelle, in der sie mit Bekannten chatten, Leute treffen, digitale Inhalte teilen und neue Ideen ausprobieren. Da Lernen überall und jederzeit stattfinden kann, gibt es, wenn überhaupt, nur wenige Ort wo WLAN nicht nützlich ist.

Da Studierende Informationen in verschiedenen Formaten konsumieren und mit Informationen interagieren, indem sie sie verändern oder teilen, stellt dies weitere Anforderungen an das Netzwerk. Zu Spitzenzeiten kann die Nutzung durch die Studierenden das WLAN überlasten. Institutionelle Geräte mit kabelgebundenen Zugängen anzubieten ist Teil der Antwort, aber das kabellose Netzwerk muss so aufgebaut sein, dass es der ständig wachsenden Nachfrage gerecht wird.

Die meisten Studierenden besitzen eine Vielfalt an technischen Geräten, wie Laptops, Smartphones, MP3 Player, Tablets und mehr. Da Technik allgegenwärtiger und günstiger wird, werden Institutionen Möglichkeiten finden, Informationen und Serviceangebote in verschiedenen Formaten und auf unterschiedlichen Geräten anzubieten. Bequemlichkeit ist eine Priorität für Studierende, weshalb es wichtig ist sicherzustellen, dass jeder Raum ein Lernraum sein kann, indem man Informationen auf persönliche, tragbare Geräte liefert. Ansätze zur Bereitstellung von Serviceangeboten müssen allerdings auch diejenigen berücksichtigen, die solche Geräte nicht besitzen.

Egal welche Technologie Studierende in Lernräumen benutzen, sie werden Strom brauchen (das schließt Steckdosen, aber auch USB- und kabelloses Laden ein): alle Geräte haben eine begrenzte Akkulaufzeit und Raumplaner müssen diese Erfordernisse berücksichtigen.

Inklusiv und nachhaltig sein

Lernräume müssen die Bedürfnisse einer vielfältigen Lernendenpopulation unterstützen. Wenn man von vornherein auf maximale Inklusivität setzt, können später kostspielige Änderungen vermieden werden. Diese Anforderungen können, wenn sie z.B. von der Projektleitung nicht vollständig verstanden werden, leicht durch Value-Engineering2 umgesetzt werden. Neben den Bedürfnissen von Studierenden und Mitarbeitenden mit Behinderungen muss man auch über die studentische Wahrnehmung des Campus als sichere Umgebung nachdenken und inwieweit er eine einladende und angenehme Umgebung für internationale Studierende bietet. Nachhaltigkeit steht für viele Universitäten ganz oben auf der Tagesordnung, und ein gutes Design kann dazu beitragen, die Auswirkungen auf die Umwelt zu minimieren und sicherzustellen, dass die Anlagen eine akzeptable Lebensdauer haben, ohne dass eine umfangreiche Wartung erforderlich ist.

Studierende einbeziehen, inspirieren und motivieren

Studierende werden wahrscheinlich mehr Zeit in Campus-Lernräumen verbringen als alle anderen und sie haben eine wertvolle Perspektive auf Dinge, die funktionieren und solche, die nicht funktionieren. Sinnvolle Wege zu finden, um Studierende in die Planung und Evaluation von Raumdesign einzubeziehen ist ein effektiver Weg sicherzustellen, dass der Raum Lernen katalysiert. Neben dem einfachen Unterstützen ihres Lernens sollten wir auf eine Vision abzielen, dass der Raum inspirierend und motivierend für Studierende ist. Eines der Hauptziele sollte sein, Studierende zu begeistern.


  1. Auch wenn die Allgemeingültigkeit dieser Prinzipien, gerade im Hinblick auf deutsche Universitäts- und Lernkulturen, nicht unumstritten sind. Siehe z.B. dieser Blogbeitrag zu Unterschieden zwischen amerikanischen und deutschen Lernkulturen an Universitäten: Link zu Blogbeitrag 

  2. Value Engineering ist eine prozessorientierte Vorgehensweise, bei der unnötige Projektkosten identifiziert und reduziert werden, ohne dabei wesentliche Funktionen und Qualitäten des Bauprojekts einzuschränken (Mathoi, 2007).